…. und die, die es noch werden wollen!

Es gibt viele Wege nach dem Abi. Direkt ins Studium, sich durch verschiedene Praktika orientieren und nach dem suchen, was einem am besten liegt, oder einen Auslandsaufenthalt.

Ich bin Emma, hab 2017 mein Abi gemacht und erzähle euch heute über das, was ich gewählt habe. Ich habe mich für einen „Auslandsaufenthalt“ entschieden, genauer für einen Freiwilligendienst in Marokko mit der Organisation EIRENE. 14 Monate sollte das ganze gehen. Am Ende hat es mir so sehr gefallen, dass ich noch länger geblieben bin.

Auslandsaufenthalt – meiner Ansicht nach ist das ein Wort, was nicht im Geringsten beschreibt, was ich erlebt habe. Warum solltet ihr euch vielleicht dafür entscheiden? Vielleicht habt ihr schon gehört, dass es später „gut im Lebenslauf aussieht“, z.B. wenn man sich auf einen Job bewirbt. Aber ganz ehrlich, darum hab ich mir damals keine Gedanken gemacht und mach ich mir auch heute nicht.           
Mir ging es um das Abenteuer, was ich erleben wollte. Also nicht wie in irgendwelchen Filmen oder Büchern, in denen Helden immer genau das Richtige tun und am Ende die Welt retten, nein. Ich wollte ein persönliches Abenteuer für mich. Und das habe ich auch bekommen, könnte man so sagen. Ich wollte ausbrechen aus dem, was ich kenne, eine ganz andere Welt kennenlernen. Auch deswegen habe ich mich für Marokko entschieden. Die Kultur ist ganz anders als alles, was ich damals kannte, ein überwiegend muslimisches Land mit anderen Traditionen als wir. Kein Weihnachten und Ostern, davon musste ich mich verabschieden, aber ich wurde zu anderen Festen eingeladen wie dem Opferfest und Zuckerfest. Das klingt am Anfang vielleicht sehr ungewohnt oder sogar gruselig, doch ich habe gelernt, dass es eigentlich nicht darum geht, was man feiert, solange man mit lieben Menschen unterwegs ist.

Und tatsächlich war es gar nicht so schwer, die zu finden in Marokko. Selbst mein alltäglicher Lebensmittelhändler begrüßte mich immer mit einem strahlenden Lächeln und wir haben gerne und viel geplaudert, besonders wenn ich mal wieder spät heimkam und auf dem Nachhauseweg mir noch mein Abendbrot geholt habe und kaum jemand anderes mehr in den Laden kam. Die Uhren scheinen dort wirklich anders zu ticken als hier.

Und Gastfreundlichkeit wird bei den Menschen großgeschrieben. Einmal war ich mit ein paar anderen Freiwilligen an einem Stausee mitten in einer Steinwüste campen und wir hatten viel zu schlecht geplant und nicht genug Essen dabei. Lustigerweise erschien mitten im Nichts ein sehr gebildeter Mann (der sogar ein paar Worte Deutsch konnte!) aus einem nahegelegenen Dorf und brachte uns die drei Tage, die wir dort verbrachten, traditionellen Couscous, von seiner Schwester gekocht, oder die Zutaten für eine leckere Tajine, die wir dann im Feuer kochten. Eine Tajine ist ein Tongefäß, in dem Gemüse gegart wird. Und die ist gar nicht so leicht, aber er hat sie uns kilometerweit bis an den See mitgebracht. Wir konnten den Dank gar nicht erwidern, aber die Erinnerung wird wohl für ewig bleiben.

Wenn du dich entscheidest, das Bekannte hinter dir zu lassen und ins Ausland zu gehen, wirst du wahrscheinlich ähnlich tolle Momente erleben, egal wohin es dich verschlägt. Aber es ist nicht alles immer leicht. Ich war ja nicht zum Spaß in Marokko, sondern um in einer Nicht-Regierungs-Organisation (oder NGO) zu arbeiten. Diese ist in der Flüchtlingshilfe tätig und ich lernte viele junge Geflüchtete in meinem Alter und eurem Alter kennen und hörte ihre Geschichten. Das war natürlich nicht einfach und nicht selten war ich frustriert, nicht noch mehr tun zu können. Ich bin keine ausgebildete Psychotherapeutin und auch keine einflussreiche Politikerin, sodass ich irgendwas Großes bewirken könnte. Manchmal hab ich mich nutzlos gefühlt und auch schlecht für die Privilegien, die ich habe und die so viele andere nicht haben. Doch selbst wenn ich keine großen Aktionen ganz alleine auf die Beine stellen kann, so habe ich doch versucht, überall ein wenig zu helfen, wo ich konnte. Und selbst wenn man nur für eine halbe Stunde jemandem zuhört, dann bringt das schon viel mehr, als man sich vorstellen kann.

Ich habe auch mit Vorschulkindern gearbeitet und obwohl ich weder ausgebildete Erzieherin oder Lehrerin bin, so hatte ich doch zumindest Zeit, mich nochmal extra hinzusetzen mit den Kindern, die Probleme beim Lernen haben und sie zu ermutigen. Oder mit den Kindern in der Pause herumzutoben, was uns allen Spaß gemacht hat.

Kein „Auslandsaufenthalt“ ist wie der andere. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, werden wahrscheinlich nicht 100% wie die sein, die du machen wirst. Aber ich kann dir versprechen, dass es Hochs und Tiefs geben wird, egal wofür du dich nach dem Abi entscheidest. Und jedem, der noch am Überlegen ist, ins Ausland zu gehen, würde ich es auf jeden Fall empfehlen! Man lernt soviel mehr noch als einem je in der Schule beigebracht werden könnte. Man wächst mit jeder neuen Erfahrung und auch mit jedem Fehler, den man macht. Vor allem, wenn du dir nicht sicher bist, was genau du studieren möchtest, kann das eine kleine Hilfe sein.

Ich habe zwar verspätet mein Studium gestartet und während ich noch ein Ersti (also im ersten Semester) war, sind manche meiner Freunde schon kurz vor ihrer Bachelor-Arbeit, aber ich kann euch versprechen, es rennt euch keine Zeit davon, ihr seid jung und ihr müsst euch keinen Stress machen mit der Entscheidung für einen Studiengang. Wenn ihr euch nicht sicher seid, dann macht erstmal etwas anderes oder fangt etwas probeweise an, ihr könnt euch immer noch umentscheiden. 
Ich studiere auch nicht das, was ich mir vor einem Jahr noch vorgenommen hatte, aber ich liebe meinen Studiengang. Nicht alles ist immer planbar und das Leben ist voller Überraschungen. Vielleicht hilft euch dieser Gedanke ja 😉

Und hier noch ein paar „Hard-Facts“ für die, die sich vielleicht nun doch für einen Auslandsaufenthalt interessieren 😉

Ich war mit EIRENE e.V. unterwegs. 14 Monate klingt lang, doch dahinter steckt viel Zusammenarbeit zwischen den Partnerorganisationen und viel Betreuung rund um den Freiwilligendienst sowohl im Einsatzland als auch in Deutschland. EIRENE versendet nicht nur nach Marokko, sondern auch in 10 weitere Länder. Kann ich auf jeden Fall weiterempfehlen!

Wenn euer Wunsch-Land oder eure Wunsch-Stelle nicht dabei war: schaut mal auf die Seite von weltwärts! Die Freiwilligendienste werden bis zu 75% vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung getragen, das heißt, ihr müsst am Ende weniger bezahlen. EIRENE ist da auch mit dabei und ich musste mir für die restlichen Kosten meines Freiwilligendienstes einen Unterstützerkreis suchen, der ca. 200-250 Euro im Monat zusammenbringt. Das ist nicht so viel wie es vielleicht klingt und dafür werden jegliche Fahrtkosten und Verpflegungs- sowie Unterkunftskosten im Land und zu Seminaren übernommen. Schaut mal rein!

Und für die, die vielleicht noch mehr zu meiner Zeit in Marokko lesen wollen, hier ist mein Blog von damals, darüber könnt ihr mich auch gerne kontaktieren, wenn ihr noch Fragen habt.

https://woelfchensabenteuer.wordpress.com

Emma Börner