Hamlet Vers 6: Der Rest ist Sch…

Hamlet Vers 6: Der Rest ist Sch…

Wenn man in der heutigen Zeit eine Produktion eines klassischen Theaterstücks besucht, muss man mit modernen Komponenten rechnen. Diese sind manchmal geringfügig und manchmal doch eher umfassend ausgeprägt. Bei der Vorstellung von „Hamlet“, der wir vorigen Mittwoch beiwohnten, brauchte man allerdings zunächst ein paar Minuten, um überhaupt zu erkennen, dass wir Ort und Zeit nicht verwechselt hatten und wirklich im richtigen Stück saßen. Das Bühnenbild bestand ausschließlich aus Theaterrequisiten wie Säcken mit Kleidung, Schminkspiegeln und Kleiderständern. Dies sollte sich während der gesamten Vorstellung bis auf den Einsatz von Kunstblut und Schmutz nicht groß verändern. Doch die herausragenden Schauspieler erreichten durch interessante Interpretationsansätze der Tragödie sowie unfassbar witzige Szenen durch Gesang und Charme, dass die wenig verwendeten Mittel völlig ausreichend waren.

So wird Hamlet vom leicht verbitterten und melancholischen jungen Mann des Originals zum rotzenden, heulenden und verzweifelten Trauernden mit vermutbarem Ödipus-Komplex („the danish motherfucker“), der es am Ende nicht einmal schafft, seine Rache auszuüben und sich stattdessen das Leben nimmt. Das bekannte Massensterben, angekündigt mit „Der Rest ist Sch….“, findet natürlich trotzdem statt, nur in Form herabfallender Kleidungstücke, die die Charaktere unter sich begraben. Es geht eben auch ohne Kampf, vielleicht als notwendige Konsequenz ihrer Schuld.

Weitere fantastische Höhepunkte entstehen durch einen sich vor Reue mit Blut beschmierenden König, einen überdrehten Popsänger Laertes, eine Ophelia, die sich über eine halbe Stunde hinweg in der Badewanne ertränkt und durch die Hofleute Rosenkranz und Güldenstern, die mit Gesangs- und Tanzeinlagen die ansonsten sehr dramatische Stimmung auflockern.

Losgelöst von jeglichen ästhetischen Regeln schaffte das Stück auch ohne Kostüme oder viel originalen Text, dass man zusammen mit Hamlet die Menschen sowie die ganze Welt in Frage stellt.

Allumfassend bot sich uns also ein todtrauriges, urkomisches und ergreifendes Schauspiel, welches sobald keiner der Anwesenden vergessen wird.